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Aus der Sicht eines Arztes
Was gibt es Neues über Alkohol und Gesundheit
Von Prof. Curtis Ellison, M.D. Boston Universität

Prof. Curtis Ellison ist Leiter der Evans Abteilung für Präventivmedizin und Epidemiologie und Professor der Medizin und Public Health der Boston Universität.

Wir wissen seit vielen Jahren, dass moderate Alkoholmengen vor koronaren Herzkrankheiten (KHK) schützen. Aber die amerikanische Öffentlichkeit erfuhr erst davon, als Morley Safer im amerikanischen Fernsehen im November 1991 den Zuschauern von den Franzosen erzählte. Morley sagte in dem wöchentlichen Nachrichtenmagazin „60 minutes", das von mehr als 30 Millionen Amerikanern gesehen wird, dass die Franzosen alles falsch machen, wenn es um ihre Gesundheit geht: sie essen zuviel Fett, joggen nicht, rauchen, und trotzdem haben sie weniger Herzkrankheiten als die Amerikaner. Dieses Phänomen wurde als das "Französische Paradox" bekannt.

Über Jahre hinweg haben wir große Unterschiede in den Todesraten von KHK zwischen den Ländern beobachtet. Die höchsten Raten sind heute in Schottland, Nordirland, Finnland und Osteuropa. Die niedrigsten Raten hat Japan, mit nur 1/5 der Herztoten von Nordeuropa; Grund dafür sind die sehr niedrigen Mengen Fett in der traditionellen japanischen Küche. Bisher haben wir die niedrige Rate an Herzkrankheiten in Italien, Spanien und Griechenland immer mit dem geringeren Fettkonsum und anderen Elementen der sog. Mittelmeerküche erklärt. Frankreich hat sogar noch geringere Sterblichkeitsraten durch Herzkrankheiten als Italien und Griechenland. Warum haben die Franzosen so niedrige Sterblichkeitsraten durch Herzkrankheiten? Wir wissen es nicht. Sie essen mehr Fett, ihre Bluthochdruckraten sind die gleichen, ihre Cholesterinspiegel sind höher. Hinzu kommt noch, dass sie die gleichen Gene besitzen, wie Leute in Ländern mit viel höheren Raten von Herzkrankheiten.

Die niedrigen Rate in Frankreich wird oft durch den höheren Konsum von Obst und Gemüse, die sehr viele Antioxidantien enthalten, und durch den niedrigeren Konsum von rotem Fleisch erklärt, da das Fleisch in Frankreich weniger Fett enthält und die Portionen auch kleiner sind als in den USA. Aber eine Theorie, die am besten von wissenschaftlichen Daten untermauert wird, ist, dass die Franzosen regelmäßig große Mengen an Alkohol konsumieren, und zwar in Form von Wein. Das ist nichts Neues, denn wie wir bereits aus einer Studie von St. Leger und seinen Mitarbeitern aus dem Jahre 1979 wissen, hat von allen Lebensstilfaktoren in Bezug auf KHK, der durchschnittliche Weinkonsum im Land die stärkste Assoziation. Seitdem wurden viele Studien über den Alkoholkonsum von Personen und deren Risiko für KHK durchgeführt, und die Ergebnisse waren bemerkenswert ähnlich: Personen, die moderat Alkohol trinken, haben weniger Herzinfarkte.

Warum wirkt Alkohol protektiv?

Da viele der biologischen, physiologischen Wirkungen des Alkohols identifiziert wurden, kennen wir viele Gründe warum Alkohol das Risiko für KHK senkt. Alkohol in jeglicher Form wirkt auf die Blutfette. Alkohol erhöht das HDL Cholesterin, das sog. gute Cholesterin, welches das Risiko für Herzkrankheiten senkt. Alkohol scheint auch das LDL oder böse Cholesterin, welches das Risiko für KHK erhöht, leicht zu senken. Aber Alkohol, und Rotwein im Besonderen, hat auch einen positiven Einfluss auf die Blutgerinnung. So vermindert er z.B. die Aggregation der Blutplättchen und hat eine positive Wirkung auf die Blutgerinnungsfaktoren, die die Auflösung von Blutpfropfen beschleunigen. Die Alkoholwirkung auf die Blutgerinnungsfaktoren ist wahrscheinlich genauso wichtig wie die Auswirkungen auf das HDL Cholesterin.

Die Wirkung auf die Blutgerinnung ist nur kurzfristig und hält ca. einen Tag an. Diese kurzfristigen positiven Einflüsse wurden von Jackson und Mitarbeitern sehr gut gezeigt. Die Forscher verglichen das Herzinfarktrisiko und den Herztod von regelmäßigen Trinkern mit denen von Personen, die in den vorhergegangenen 24 Stunden nichts getrunken hatten. Sie fanden heraus, dass ein regelmäßiger Trinker, der einen oder mehrere Drinks in den vorausgegangenen 24 Stunden konsumierte, ein niedrigeres Risiko hatte (bis zu 75% niedriger bei Männern und 61% bei Frauen).

Diese Ergebnisse zeigen, dass wir regelmäßig Alkohol trinken sollten, vielleicht sogar täglich. Leider haben viele Leute keine guten Trinkgewohnheiten, und trinken die ganze Woche nichts, aber dann am Wochenende umso mehr. Dies ist eine sehr ungesunde Art, Alkohol zu genießen. Viele Europäer trinken jeden Tag zum Essen Alkohol. Beim Schutz vor KHK kommt es nicht so sehr auf die Menge an, sondern wann getrunken wird. Eine kürzliche Studie aus Italien zeigt, dass die Gesamtsterblichkeit für Leute, die Wein zum Essen trinken viel geringer ist, als von denjenigen, die bei einer anderen Gelegenheit Wein trinken. Am besten genießt man Alkohol regelmäßig zum Essen, jedoch sollte es bei ein paar Drinks pro Tag bleiben.

Ich werde oft gefragt, ob Wein, im besonderen Rotwein, besser als Bier und Spirituosen vor Herzkrankheiten schützt. Wir haben keine endgültigen Daten darüber und im Allgemeinen schützen alle Alkoholarten vor Herzkrankheiten. Einige Wissenschaftler haben gezeigt, dass im Rotwein zusätzlich zum Alkohol viele hoch wirksame Antioxidantien enthalten sind, die die Bildung von Blutgerinnseln vermindern und noch andere Wirkungen besitzen, die das Herzinfarktrisiko mindern. Z. B. gibt es Untersuchungen aus den USA, die zeigen, wie moderate Mengen Rotwein die Blutplättchen weniger schnell aneinander heften lassen und damit der Bildung von Blutpfropfen, die zum Herzinfarkt führen könnten, vorbeugen. Bei Weißwein oder Alkohol allein findet man einen derartigen Schutz nicht, es muss folglich etwas im Rotwein sein, was den zusätzlichen Schutz bewirkt. Andererseits unterscheiden sich in den USA die Weintrinker von den Bier- oder Schnapstrinkern in vieler Hinsicht. Sie besitzen eine bessere Bildung, haben höhere Einkommen, rauchen weniger und sind sportlicher als Biertrinker. Deshalb ist es für einen Epidemiologen schwierig festzustellen, ob Weintrinker gesünder sind, weil sie Wein trinken, oder ob Leute mit einem gesünderen Lebensstil Wein trinken.

Sollten Ärzte ihren nicht alkoholtrinkenden Patienten Alkohol verschreiben, um deren Risiko für Herzkrankheiten zu senken? Man braucht nur einen Drink pro Tag oder sogar nur jeden zweiten Tag, um die größte Schutzwirkung vor KHK zu erzielen. Da KHK die Haupttodesursache in den industrialisierten Ländern darstellen, warum sollte man nicht jedem ein Glas täglich verschreiben? Einige Wissenschaftler argumentieren, dass wir als Schutz vor KHK nicht den Alkohol brauchen, es gibt andere Vorbeugungsmöglichkeiten: abnehmen, den Blutdruck und den Cholesterinspiegel senken, eine gesunde Ernährung. Aber sie haben keine Ahnung wie schwer es ist, 10 kg abzunehmen oder die Ernährung umzustellen. Und es ist nicht genug, den Menschen zu sagen, sich besser zu ernähren. Viele gute Studien zeigen, dass Leute, die viele Vitamine, vor allem Vitamin E und Folsäure zu sich nehmen, ihr KHK Risiko senken. Aber erst kürzlich fanden Rimm und Mitarbeiter bei der "Nurses Health Studie" heraus, dass die Senkung des KHK Risikos durch Folsäure für Personen, die mindestens 15 g Alkohol täglich tranken, um vieles größer war als bei Nichttrinkern. Deshalb sollten Sie mäßigen Weingenuss in Verbindung mit ausgewogener Ernährung bevorzugen.

Wir wissen, dass Alkoholmissbrauch sehr schädlich ist, und die Frage, der ich mich hier zuwenden möchte, ist die Frage nach dem Endergebnis, d.h. der Gesamtsterblichkeit. Anders ausgedrückt, würden Sie mit Alkoholkonsum länger oder kürzer leben als ohne? Uns ist allen klar, dass sogar moderate Alkoholmengen negative Konsequenzen haben können, wenn jemand schnell mehrere Drinks konsumiert und dann Auto fährt. Deshalb spreche ich immer von moderatem und verantwortungsvollem Trinken. Aber wenn es um Krankheiten geht, sind die meisten durch schweren Alkoholkonsum verursacht. Nur Brustkrebs bei Frauen könnte evtl. mit leichtem oder moderatem Alkoholkonsum in Verbindung gebracht werden.

Einige wissenschaftliche Untersuchungen weisen darauf hin, dass bei Frauen, die ein bis zwei Drinks pro Tag konsumieren, ein geringer Risikoanstieg beobachtet werden kann. Dies wurde nicht einheitlich in allen Studien gefunden. In unserem Institut an der Boston Universität haben wir gerade eine Studie über Wein, Bier und Spirituosen in Relation zu Brustkrebs abgeschlossen. Dabei wurden die Daten der "Framingham Studie", wo mehr als 5000 Frauen über einen Zeitraum von 25 -45 Jahren verfolgt wurden, ausgewertet. Unsere Ergebnisse zeigen, dass Frauen, die ihr Leben lang Wein oder andere alkoholische Getränke moderat getrunken haben, keine höhere Brustkrebsrate aufweisen, im Gegenteil, sie hatten eine etwas niedrigere Rate.

Jetzt wollen wir uns einmal der Gesamtsterblichkeitsrate zuwenden. Anders ausgedrückt, ist die Wahrscheinlichkeit an irgendeiner Ursache in einem bestimmten Zeitraum zu sterben größer oder kleiner, wenn man trinkt oder nicht trinkt? In jeder prospektiven Studie die bisher durchgeführt wurde, resultiert ein täglicher Konsum von 1-2 Drinks in einer geringeren Sterblichkeitsrate. So lange der Alkoholkonsum leicht bis moderat ist, d.h. bis zu 2 Drinks täglich, ist das Risiko für die meisten Krankheiten geringer und das Risiko aus irgendeinem anderen Grund zu sterben, ist gesenkt.

Die Ergebnisse der „Kopenhagen Herz Studie", wo über 13,000 Frauen und Männer mehr als 10 Jahre lang verfolgt wurden, zeigen wie sich die Sterblichkeit erhöht, wenn der moderate Alkoholkonsum eingeschränkt wird. Die „Kopenhagen Herz Studie" beschreibt die typische J-förmige Beziehung zwischen dem relativen Gesamtsterblichkeitsrisiko und dem Alkoholkonsum. Alkoholkonsumenten, die angaben durchschnittlich 1-6 Drinks pro Woche zu trinken, hatten eine 40% niedrigere Sterblichkeitsrate als Abstinenzler; Leute, die sehr viel Alkohol tranken, wiesen eine höhere Sterblichkeitsrate auf.

Bei solchen Ergebnissen fällt es mir schwer zu verstehen, wie Regierungen, die Alkoholverbote oder die Reduzierung des Alkoholkonsums der gesamten Bevölkerung durch höhere Steuern oder andere Maßnahmen, die die Alkoholverfügbarkeit einschränken, begründen können. Zweifellos sind derartige Anstrengungen darauf ausgerichtet die Probleme des Alkoholmissbrauchs einzuschränken, doch normalerweise schränken bei solchen Maßnahmen eher moderate Trinker als Alkoholiker ihren Alkoholkonsum ein.

Egal was wir tun um den Alkoholkonsum bei Alkoholikern und verantwortungslosen Trinkern einzuschränken, vom „Public Health" Blickpunkt aus betrachtet, sollten wir nicht vom moderaten Alkoholkonsum abraten.

Wie sollen all diese Informationen in die Alkoholpolitik eingebracht werden? Was sollte der Öffentlichkeit empfohlen werden? Was sollten Ärzte ihren Patienten empfehlen, vor allem denen, die nicht trinken? Zusammen mit Kollegen bereite ich einen Bericht vor, wo wir die offiziellen Sterblichkeitsraten in den USA auswerten, um das absolute Sterberisiko für Erwachsene zwischen 45 und 75 Jahren zu bestimmen, abhängig davon, ob sie Abstinenzler oder moderate Alkoholkonsumenten sind. Moderat ist nach den offiziellen Richtlinien in den USA mit nicht mehr als 2 Drinks (US Drink = 1,5 "Standard Drinks") pro Tag für Männer, und ein Drink pro Tag für Frauen definiert. Nach ausführlichen Literaturrecherchen kamen wir zu dem Schluss, wenn ein Nichttrinker anfinge, moderat Alkohol zu trinken, wäre sein KHK Risiko um 33,3% niedriger und das Schlaganfallrisiko fast um genauso viel. Andere Krankheiten im Zusammenhang mit Arteriosklerose würden ebenfalls gesenkt, Frauen zeigten jedoch eine 10%-ige Erhöhung des Brustkrebsrisikos.

Wir wissen, es kommt immer wieder vor, dass die Patienten den Empfehlungen ihres Arztes nicht folgen und anfangen, viel zu trinken. Wir haben in unseren Berechnungen berücksichtigt, dass dies ca. 5% der Patienten tun werden. Falls dies der Fall wäre, würde deren Risiko für Leberkrebs, Tod durch Trunkenheit am Steuer und bei Frauen für Brustkrebs erhöht.

Berücksichtigt man alle diese Risiken in unseren Berechnungen, so haben wir herausgefunden, dass bei allen Frauen über 55 Jahren und bei allen Männer zwischen 45 und 75 Jahren, diejenigen, die anfingen zu trinken, eine geringere Sterblichkeitsrate aufwiesen. Diese Ergebnisse deuten an, dass ein nicht-trinkender Patient, falls er moderat zu trinken anfängt, tatsächlich ein niedrigeres Risiko hätte in den nächsten 10 Jahren zu sterben, selbst wenn 5% dieser Probanden Alkoholiker würden. So zeigen z.B. die Statistiken der Regierung für alle 65-jährigen nicht-trinkenden Männer in den USA, dass 278 von ihnen in den nächsten 10 Jahren sterben werden; würden diese Männer alle anfangen, moderat zu trinken, würden nur 251 sterben, das ist ein Rückgang von ca. 10%. Unsere Daten beziehen sich auf den Konsum von jeglichen alkoholischen Getränken.

Ärzte sollten nicht länger Angst vor dem Alkoholmissbrauch haben, wenn sie Männer im mittleren Alter oder Frauen nach den Wechseljahren vor sich haben, die keinen oder sehr selten Alkohol trinken und dann aus Angst lieber dem alten Grundsatz folgen, es ganz bleiben zu lassen. Ich bin davon überzeugt, dass Ärzte vielen Patienten den moderaten Alkoholkonsum empfehlen können, vor allem das tägliche Glas Wein, ohne jegliches Risiko für Alkoholmissbrauch. Dadurch könnte ihr KHK Risiko deutlich gesenkt werden.

Zusammenfassend ist die wissenschaftliche Datenlage ziemlich deutlich: Moderater Alkoholkonsum, vor allem moderater Weinkonsum, sollte Teil eines gesunden Lebensstils sein. Wir werden tun was wir können, um Öffentlichkeit, Mediziner und andere Personen im Gesundheitswesen und Politiker über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse informiert zu halten. Diese Erkenntnisse sind heute sehr deutlich und unterstützen, was St. Thomas Aquinas vor über 700 Jahren sagte: "Wenn ein Mann so abstinent vom Wein bleibt, dass er seiner Natur ernsthaften Schaden zufügt, dann wird er nicht frei von Schuldzuweisungen sein."

 

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Wein und Gesundheit - Neueste Erkenntnisse
Harvey Finkel, M.D.

Dr. Finkel ist Professor für Medizin des Medizinischen Zentrums an der Universität Boston im Fachgebiet Hämatologie und Onkologie. Er hält Vorträge und publiziert weltweit das Thema Wein und Gesundheit. Als preisgekrönter Weinpublizist und Lehrer ist Dr. Finkel auch Vorsitzender des Gesundheitskommittees der „Society of Wine Educators".

Unser kollektives Urbewusstsein hat lange schon vermutet, dass Wein nicht nur zur Lebensbereicherung beiträgt, sondern auch die Gesundheit positiv beeinflusst und das Leben verlängert. Im Zeitalter der kritischen und exakten Wissenschaft müssen wir objektive Daten vorweisen um eine solche Vermutung zu begründen, sonst verlieren wir unsere Glaubwürdigkeit. Wein hat einflussreiche Feinde, die falsche Informationen verbreiten. Wir können nicht in diese Falle tappen und Wein als Übel oder als Medizin betrachten.

Es ist wahrscheinlich sinnvoll mit den Schlussfolgerungen anzufangen: Moderater Weingenuss verbessert die Gesundheit und verlängert das Leben. Dies wurde schon in Hunderten von veröffentlichten Studien gezeigt. Abstinenz stellt einen Risikofaktor für die Gesundheit und für ein langes Leben dar. Alle diese Erkenntnisse werden als J-Kurve (siehe Abbildung) bestens dargestellt und basieren auf der sensationellen Entdeckung, die als „Französisches Paradox" Geschichte machte.

Epidemiologische Studien aus der ganzen Welt haben wiederholt gezeigt, dass moderate Alkoholkonsumenten länger und gesünder (und wahrscheinlich glücklicher) leben als diejenigen, die nichts trinken, und dass diese beiden Gruppen viel besser dran sind als diejenigen, die zu viel trinken. Identische Ergebnisse sind bei Personen verschiedenen Alters, beiderlei Geschlechts, bei Schwarzen und Weißen in Westeuropa, Kanada, USA, Japan, Australien, Neuseeland, Israel, Island und anderswo gefunden worden (jedoch ist die positive Wirkung von Wein bei Rauchern weniger ausgeprägt, und kann bei Personen, die prophylaktisch Aspirin zu sich nehmen, deutlich höher sein). Der Hauptvorteil ist die Reduzierung von Herzinfarkten, unsere häufigste Todesursache.

Dieses Phänomen wurde „Französisches Paradox" genannt, da die Wissenschaftler französische Männer mittleren und höheren Alters untersuchten. Diese Männer sollten eigentlich, da sie zu viele Zigaretten rauchten, Foie Gras und andere angeblich ungesunde Sachen aßen, und ihre körperliche Betätigung auf das Beugen der Ellbogen beschränkten, ein überdurchschnittlich hohes Herzinfarktrisiko haben. Statt dessen zeigte es sich jedoch, dass die moderaten Weintrinker (hauptsächlich Rotwein) besser geschützt waren als vergleichbare Populationen, die keinen Wein tranken. Vielleicht waren sie durch die Substanz, die durch das Beugen ihrer Ellbogen in ihren Mund gelangte, geschützt. Tatsächlich schützt der Wein nicht nur die Herzgefäße, sondern auch die arteriellen Blutgefäße, die das Gehirn und andere Organe versorgen (die häufigste Art des Hirnschlags wird durch moderaten Weinkonsum reduziert)

Alkohol ist ein zweischneidiges Schwert. Ein über mehrere Jahre andauernder übermäßiger Alkoholkonsum verursacht viele lebensbedrohliche Krankheiten, wie z.B. Herzerkrankungen, hämorrhagischer Schlaganfall, Leberkrebs und - vor allen Dingen in Zusammenhang mit Rauchen - Mund-, Rachen- und Ösophaguskrebs. Es ist nicht klar, ob Alkoholkonsum mit einem leichten Anstieg des Brust- und Darmkrebs Risikos verbunden ist (Alkohol ist die einzige Substanz in Wein, die schädlich sein könnte, jedoch nur in großen Mengen).

Die Leber ist das Organ, das dem Alkoholkonsum Grenzen setzt. Sie ist das Organ, das zuerst von übermäßigem Alkoholkonsum geschädigt wird. Ständiger Alkoholabusus kann zu der oft tödlich verlaufenden Zirrhose führen. Was versteht man unter einer sicheren Alkoholgrenze? Wenn man die Leberfunktion als körpereigenen „Alarm" betrachtet, dann kann ein Mann während seines gesamten Lebens ohne Schaden im Durchschnitt täglich 2 Glas Wein trinken (ich beziehe mich hier auf die medizinische Sicherheit des Alkoholkonsumenten, nicht unbedingt auf seine Leistungsfähigkeit, die stark schwanken kann). Er sollte seine wöchentliche Ration nicht für das Wochenende aufheben, da er dadurch seine Abwehrschwelle überschreitet.

Das Geschlecht ist auch entscheidend. Frauen können nur halb so viel Alkohol wie Männer vertragen, wahrscheinlich, da sie nur halb soviel von dem Alkohol abbauenden Enzym, Alkoholdehydrogenase, im Magen haben als Männer. Also, wenn meine Frau und ich zu Abend essen, bekomme ich 2/3 der Flasche. Menschen sind verschieden.

Jetzt will ich einmal auf die möglichen Mechanismen eingehen, wie Wein die Gesundheit, speziell im kardiovaskulären Bereich, fördern kann. Man nimmt an, dass Alkohol für 50% der positiven Wirkung verantwortlich ist. Wein besitzt auch spezielle Eigenschaften, die in anderen alkoholischen Getränken nicht vorhanden sind. Er enthält Dutzende von Substanzen, die wir Polyphenole nennen. Einige davon wirken als Antioxidantien, haben große Bedeutung als koronare Schutzfaktoren und können - bis jetzt nur theoretisch - vor Krebs schützen. Alkohol und Polyphenole unterstützen sich gegeseitig beim Schutz vor Herzerkrankungen. Die Phenole (Resveratrol und Quercetin sind die bekanntesten) sind vorwiegend in der Traubenschale vorhanden, deshalb findet man hohe Phenolmengen im Rotwein, da dieser in der Maische vergärt wird.

Arteriosklerose, eine Krankheit der normalerweise glatten innersten Schicht der Gefäßwände (die Intima oder das Endothelium), kann schon in relativ jungen Jahren beginnen, aber man bemerkt sie erst im späteren Alter. Ihr Auftreten hängt von erblichen Faktoren, den Ernährungsgewohnheiten, Rauchen, Stoffwechselstörungen (z.B. erhöhter Cholesterinspiegel, Diabetes Mellitus) sowie von anderen Faktoren, vielleicht auch arteriellen Entzündungen, ab. Das low-density-Lipoprotein (LDL), das „böse" Cholesterin, wird in der Gefäßwand abgelagert und führt zu Degeneration, Entzündung, Schädigung und Vereengung. Das Blut fließt langsamer. Der „Höhepunkt" ist die Bildung eines Blutgerinnsels, welches das Gefäß verstopft, das eigentlich Sauerstoff und Nährstoffe zum Herzmuskel und dem umliegenden Gewebe transportieren sollte. Das Gewebe stirbt ab und Herzinfarkt oder Schlaganfall sind die Folge.

Was macht der Wein, um den „armen" Blutgefäßen zu helfen? Der Wein (hauptsächlich der Alkohol im Wein) regt die Leber an, mehr von den high-density Lipoproteinen (HDL), das „gute" Cholesterin, zu produzieren. HDL ist wie die Müllabfuhr: es transportiert das LDL Cholesterin von der Gefäßwand weg, wo es Schaden anrichten kann, und bringt es zur Leber zur Ausscheidung über die Galle. Da es die oxidierte Form des LDL Cholesterins ist, welches die Gefäße schädigt, können die Antioxidantien im Wein (hauptsächlich die Phenole) den LDL Angriff etwas abschwächen. Der Alkohol und die Phenole im Wein, besonders wenn er zum Essen getrunken wird, verhindern die Bildung schädlicher Blutgerinnsel auf unterschiedliche Weise. Immer mehr Daten weisen darauf hin, dass Wein auch das abnormale Wachstum der Muskelwände eindämmt.

Es wurde natürlich auch vermutet, dass die Schädigung diverser Organe bei übermäßigem Alkoholkonsum direkt auf die Toxizität des Alkohols zurückzuführen ist. Neue Daten weisen jedoch darauf hin, dass bei Alkoholmißbrauch zumindest ein bedeutender Teil der schädlichen Wirkung auch durch das Abbauprodukt von Alkohol, dem Acetaldehyd, verursacht wird. Beim ersten Schritt des Alkohol Abbaus - erleichtert durch die Alkohol-Dehydrogenase - wird der Alkohol zu Acetaldehyd umgewandelt. Acetaldehyd stellt ein hoch toxisches Produkt dar, das die schädliche Oxidation und andere Reaktionen fördert, die zu Erkrankungen von Leber, Gehirn, Herz und weiteren Organen und zu Krebs führen kann. Normalerweise ist Acetaldehyd sehr schnell neutralisiert, aber wegen der genetischen Unterschiede in gewissen Populationen (Ost Asiaten, Puerto Ricaner), häuft sich das Acetaldehyd bei vielen Personen an, so dass sie entweder keinen Alkohol vertragen oder mit den oben genannten Schäden rechnen müssen. Auch hier ist wieder eine positive Wirkung der Antioxidantien möglich.

Es gibt immer mehr Hinweise, dass alkoholische Getränke - und Wein im Besonderen - vor einigen Infektionen schützen und sie sogar beseitigen können, vor allem Magen-Darm Infektionen. Auf großes Interesse sind Berichte gestoßen, nach denen Wein gegen Infektionen des Magens mit Helicobacter pylori hilft. H. pylori ist ein Bakterium, das chronische Gastritis, vermehrt Magengeschwüre und einige Arten von Magenkrebs verursacht. Wie bei vielen dieser Erkenntnisse ist es zu früh, feste Schlussfolgerungen zu ziehen. Eine detaillierte Diskussion wurde kürzlich von Finkel H: „Wein dem Magen zuliebe" Wine News 24:16 (Aug/Sept) 1998, veröffentlicht. Noch verblüffender ist der immer stärker werdende Verdacht, dass das gleiche H. pylori oder andere Bakterien zu der Gefäßkrankheit beitragen, die Millionen Tode und Invalidität verschiedenen Grades in Form von Herzinfarkten, Hirnschlägen, Amputationen und anderen Schicksalsschlägen verursacht.

Gleichzeitig tauchen immer neue Beweise auf, die darauf hinweisen, dass die Polyphenole im Wein vor Krebs schützen und dem Krebs entgegenwirken können. Es wurde berichtet, dass unsere lieben Phenole folgendermaßen gegen Krebs schützen können:

  • Schutz der DNA vor oxidativer Schädigung (vielleicht wird die Oxidation manches Mal von Acetaldehyd begünstigt)
  • Induktion der Enzyme, die vor bösartigen Mutationen schützen
  • Modulation der krebserregenden Entzündungsreaktionen
  • Förderung der normalen Zelldifferenzierung und —reifung
  • Verhinderung des Krebszellenwachstums
  • Unterstützung der Chemotherapie

Wir sind erst ganz am Anfang, diese Mechanismen zu verstehen.

In einem hoch interessanten Bericht, der von Clement et al. in dem angesehenen Journal „Blood" am 1. August 1998 (92:996-1002) veröffentlicht wurde, zeigte man, dass Resveratrol für eine tödliche Kaskade von Krebszellen verantwortlich ist, aber die normalen Zellen nicht beschädigt werden.

Viele weitere Wirkungen des Weinkonsums sind noch nicht vollkommen erforscht. Einige scheinen positiv zu sein, andere negativ und einige sind nur Gegenstand von Witzen und Karikaturen.

Ich möchte mit einer Nachricht schließen, die wir uns merken sollten. Bis auf wenige Ausnahmen gibt es immer mehr Beweise die zeigen, dass sich moderater regelmäßiger Weingenuss, vor allen Dingen zu den Mahlzeiten, positiv auf die Gesundheit auswirkt und ein langes Leben begünstigt. Übermäßiger Alkoholgenuss ist auf jeden Fall schädlich für den Trinker, oftmals auch für andere. Abstinenz ist wahrscheinlich ein Risikofaktor. Es gibt jedoch keinen Ersatz für die Einschätzung des Individualrisikos durch den eigenen Hausarzt.

Begehen Sie nicht den Fehler, Wein als Therapie zu benutzen. Wir sollten ihn trinken, um unser Leben zu bereichern und nicht, um es medikamentös zu behandeln.

Die ausführlichen Hintergrundinformationen und eine komplette Literaturliste sind zu finden in: Finkel HE: Wine and health, a review and perspective. Journal of Wine Research 1996; 7:157-196 und in: Finkel HE: In vino sanitas? Savage, MD: Society of wine Educators, 1998. Tel. 301-7768569, Fax: 301-776 8578.

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